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ZEHN DICHTUNGEN
( Petra Ohl DEU )
Traum
Verweilen in des Tages spätem Schein,
erneut der Hände zarten Druck erahnen -
und kämst du jetzt, das Sehnen zöge ein
in abendlichte, glückbesternte Bahnen.
Ein Himmel hüllt uns in Narzissenduft
so mag die Seele weißen Frühling singen;
Arom von Auferstehung birgt die Luft
und kämst du jetzt - die Träume trügen Schwingen.
Venedig
Und über die Schlafsäcke steigend
am Bahnhof
Canal' Grande,
Häuser am Meer .
Jeder Winkel der hundert engen Gassen,
birgt ein Geheimnis,
ein Stück Geschichte.
Die Brücken auf und nieder
soweit uns die Füße tragen -
'Insgeheim liebt er dich' -
sagte die Zigeunerin,
die Hand lesend
wie die Geschichte von Marco Polo.
Zarter Sonnenuntergang
Romeo und Julia
spielen mit den Tauben
in Piazza San Marco.
Schwarze Gondel
anonimo veneziano
- wie traurig ist Venedig –
Karneval
Die bunte Verkleidung
als Flucht aus dem Alltag
Persönlichkeitssuche
Entkettung des Ich.
Die Masken verhüllen
den Winter der Seele
nur für eine Weile
Wie bitter wird sein das
Erwachen zum steten
Weltkarnevalsspiel –
Ein neues Lied
Ein neues Lied fängt an, zu klingen,
- wenn gleichsam Schmerz das Wort zerreißt -
den Körper glühend zu durchschwingen
und zu umrauschen starren Geist
Kein Laut erwächst, noch schlägt das Schweigen
das Ohr, das nach Erlösung schrie;
doch hört das Herz die Lebensgeigen:
die Seele kennt die Melodie.
Kolibritage
Schwirrende, schillernde Kolibritage –
knisterndes Atmen der Schwingen im Wind
wirft in den Himmel die Lenzfieberfrage
flatternden Herzens. Und Sehnsüchte sind
schon in die blühenden Sträucher gesunken,
haben, Erkenntnisverlangen im Blut,
staunend den nährenden Nektar getrunken,
winterbefreit, mit gefiedertem Mut.
Warten
Und manchmal, Herr, - verzeih’
vergeude ich die Zeit
und warte
und warte auf Menschen
und warte auf Menschen, die ich liebe
und warte auf Menschen, die nicht kommen.
Doch du, Herr, - ich weiß
doch du, Herr, - ich vergaß
bist da, ganz da
mit deiner Zeit, mit meiner Zeit
mit einem Herzschlag Ewigkeit
Harfenherz
Höre mein Harfenherz, schwingende Saiten,
Lebensglissando von werbendem Klang.
Höre den singenden Flügel in Zeiten
treibenden Eiferns, so seelenlos bang.
Gleite, bereite dem fließenden Lieben
offenen Ohres empfangenden Raum.
Hoffe, wo endliche Welten zerstieben;
höre mein Harfenherz, Zuversichtstraum.
Mondabend
Ruh nun vom Dornendunkel,
verlaß des Tages Wahn;
ein Mond, rot wie Karfunkel,
zeigt dir die Blütenbahn,
wo der Gesang der Sterne
den wunden Geist betört,
bis dann in lichter Ferne
die Seele Seelen hört.
Schatten
Lachen im Schatten
der Zypressen
Fülle der wortlosen Sätze
wir erkennen einander
seit Ewigkeiten
wo blieb
der schwarze Schwan...
Psalm
Du hast hohe Türen gepflanzt;
in die Mauern meiner Verzweiflung,
in die Mauern meiner Empörung,
in die Mauern meines Geschrei's,
hast Du hohe Türen gepflanzt.
Du hast Deine Engel gesandt;
Engel, die mich lehrten, zu sehen,
Engel, die mich lehrten zu gehen
durch das Dunkel; Türen zu öffnen
hast Du Deine Engel gesandt.
Du hast hohe Türen gepflanzt;
jede Schwelle führte zum Leben,
jede Schwelle führte zur Seele,
jede Schwelle führt zur Erkenntnis:
Du hast hohe Türen gepflanzt.
Petra Ohl