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Dieser Kurzurlaub am See

( Andrea Casari ITA - Quella breve vacanza sul lago - Trad. Petra Ohl )

 

 

 

 

Angela beschloss eines Tages, sich aus dem Alltäglichen abzuseilen, zu dem sie sich nicht mehr zugehörig fühlte, und da es außerdem Samstag war und sie sich nicht mit anderen Angelegenheiten befassen wollte, beschloß sie, einen Ausflug zum See zu machen.

 

Sie bereitete das Gepäck vor, möglichst leicht, da sie am darauffolgenden Montag zur Arbeit zurückkehren mußte, nahm eine Straßenkarte und beschloß, mit dem Finger und dem Gedanken darauf zeigend, sich zum nahegelegenen Lago Smeraldo (Smaragdsee) zu begeben, den sie im übrigen vorher noch nie besucht hatte. Sie fühlte in sich fast eine Art von Scham, noch nie zuvor dorthin gefahren zu sein, dann lächelte sie und auch die Scham wich mit dem Lächeln (es gibt immer ein erstes Mal - dachte sie).

 

Von dem Augenblick an, als sie ins Auto stieg, bemerkte sie sofort ein sonderbares Wohlgefühl, es war schon lange her, daß sie das nicht mehr gefühlt hatte, oder besser gesagt, sie erinnerte sich nicht, es jemals so nah und stark empfunden zu haben, und sie verstand ab sofort, daß, bis sie es nicht schaffen würde, sich öfter abzuseilen, aber auch endgültig, von einer bestimmten Art von Ideen und Bindungen, sie dieses Gefühl immer begleiten würde, aber nur als Wunsch. Sie schüttelte die Schultern mit einem gewissen Mut und schlug die Straße zum See ein.

 

Angela hatte dieses Panorama schon gesehen, das vor ihrer Windschutzscheibe erschien, ein Leben lang lebte sie schon in dieser Gegend, aber da sie sich nicht mehr in denselben Alltag eingebunden fühlte, aus dem sie beschlossen hatte, auszusteigen, nahm sie es wahr als ein einfaches Vorbeiziehen von Bildern, alles erschien ihr anders und sie begann zu lachen und im Geiste eine Melodie anzustimmen.

 

Es zogen einige Kilometer vorbei und Angela gelangte zu einer langen Brücke, die Brücke war eine Einbahnstraße und so mußte sie anhalten, um den Autos die Vorfahrt zu lassen, die aus der Gegenrichtung kamen. Die Autos fuhren nah an ihr vorbei, in langsamem Tempo,  so hatte sie die Möglichkeit, all den Leuten ins Gesicht zu sehen, die aus dem Park des Lago Smeraldo zurückkehrten. Sie waren alle ruhig und gelassen, ausgesprochen entspannt, obwohl sie in ihre kleine Welt zurückfuhren. Angela lächelte und tauschte mit jedem von ihnen einen Gruß aus, als ob sie sie alle bereits kannte, und wurde sich sofort bewußt, daß es gar nicht so abwegig war, unter Reisenden freundlichen Kontakt zu pflegen.

Sie war an der Reihe und schickte sich an, die Brücke zu überqueren. Die Tiefe, die unter ihr lag, erschien ihr unendlich groß, sie hatte einen Augenblick lang Höhenangst und ihr schwitzten selbst die Füße, aber sofort nahm ihr auch schon die Solidität dieser Brücke jegliche Angst. Sie fühlte sich wieder "zutiefst" sicher. Das Auto fuhr weiter auf den dicken Holzplanken und sie genoß es richtig aus dieser besonderen Perspektive, und erhöhte weiter den Ton ihrer inneren Melodie (die niemand sonst hören konnte). Sie bewegte den Kopf, als ob sie die Noten einer imaginären Partitur verfolge und mit ekstatisch gesenkten Lidern schaute sie um sich.

Schließlich kam sie an der baumumsäumten Straße an, die wie ein großer Tunnel erschien, und die sie – nach ihrer Intuition - zum berühmten Park Hotel am See führen würde.

Während sie sich langsam ihrem Ziel näherte, begann sie, eine Vielfalt von Klängen und Stimmen zu hören, hatte auch den Eindruck, daß durch das Laub der Bäume merkwürdige Farbschattierungen zu ihr gefiltert würden, und so ließ sie die Fenster herunter und jene Stimmen wurden intensiver und klarer; von den Straßenrändern drangen andere unsichtbare Stimmen, die sich über unterschiedliche Themen unterhielten, aber nicht lebhaft, im Gegenteil, da war eine sonderbare Ruhe und ungewöhnliche Freundschaft in den Worten, es schien ihr, als ob sie ihr wahrhaftige Mitteilungen schickten. Dadurch wurde ihre Neugier geweckt und so reckte sie ihre Ohren, um zuzuhören

Mit dem Blick hingegen, entdeckte sie allmählich das Hotel, es war riesig, beeindruckend, majestätisch, es schien antik war aber gleichzeitig modern ausgebaut. Das Hotel war im Zentrum eines Sees errichtet, dem berühmten Lago Smeraldo (Smaragdsee), von dem sie oft schon als Kind gehört hatte, und man konnte es zu Land erreichen – über vier sehr lange Brücken, zu Wasser – mit großen Holzschiffen und auch durch die Luft, in der Tat entdeckte man eine Piste, die als Landebahn geeignet schien.

Das, was Angela am meisten überraschte, war, daß die Perspektive sehr seltsam war, in der Tat, während sie langsam mit dem Auto auf eine der vier Brücken fuhr, schien ihr alles klein und ganz nah, aber als sie jenseits der Brücke ankam, im Garten bei dem Hotel, war alles plötzlich und unerklärlicherweise groß geworden, so groß, daß sie nicht mehr die Ufer ebendieses Sees erkennen konnte und auch nicht die großen Bäume, die ihn säumten. Die Brücke, über die sie gerade gefahren war, schien im Wasser zu verlöschen, in einem Wasser, das nicht mehr wie Wasser war, sondern das fast zu Luft geworden war.

 

Es dauerte eine Weile, bis Angela das alles als "wahr" annahm –  und danach stieg sie ruhig mit ihrem Gepäck aus dem Wagen aus.

In ihrem Rücken fühlte sie die Präsenz der ungeheuren Größe dieses Gebäudes und vor sich sah sie die absolute Unendlichkeit des Lago Smeraldo (Smaragdsees); sie fühlte keine Angst, aber zitterte leicht aus einem seltsamen Gefühl heraus. Sie war völlig allein, aber ohne darüber nachzudenken oder besorgt zu sein, ging sie auf den Eingang zu.

 

Wenn man durch die große Drehtür schaute, erschien die Eingangshalle des Hotels riesig und man entdeckte kein Ende, aber höchst sonderbarerweise erschien sie ruhig und leer.

Das Rad beendete seine langsame Drehung und Angela schickte sich an, einzutreten, oder besser, hatte den Eindruck, einzutreten aber gleichzeitig hörte sie auf, sich als Angela zu fühlen, hörte auf, sich als Frau zu fühlen, einen Körper zu fühlen, einfach, sich als Etwas zu fühlen, hörte auf, jegliches Gefühl zu haben, das sie normalerweise kannte ………es gab nicht einmal mehr das Hotel,….. keine Aussicht,….überhaupt garnichts,…….nur ein undefinierbares aber erfüllendes Glücksgefühl, wirklich Selbst zu sein das sich niemals von jenem undefinierbaren Dort ohne Zeit fortbewegt hatte.

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Von jedem Tag an begann Angela , ihre eigenen Gedanken zu jener Reise zum Smaragdsee zu lenken und traf und realisierte, immer länger, jenes undefinierbare Selbst-Sein; sie hatte keinerlei Angst mehr und auch kein illusorisches Glücksempfinden mehr, weil sie endlich verstand, daß, was sich jenseits des Smaragdsees ausdrückte, nicht wirklich sie war, sondern jene Qualitäten namens Angela.