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KLARE NACHT
( Marco Milani ITA – NOTTE CHIARA – trad. Petra Ohl )
Es war eine klare Nacht.
Eine dieser so klaren und kristallinen Nächte, die fast die Sinne derjenigen verwirren, die den Himmel bewundern und die kleinsten Details beobachten, vielleicht auf den Stufen einer Außentreppe aus Backstein sitzend, angelehnt an die schraffierte Mauer des eigenen Hauses, davor ein Geländer aus opakem Alluminium, schmutzig vom Staub und vom Regen.
Sterne. Zu Tausenden, zu Millionen. Unzählbar viele, sodaß man ihrer nur wenige zehn zählen konnte, bevor man sich verlor in diesem Meer von blinkenden Lichtern. Um die Milchstraße zu betrachten, mußte man den Kopf zurücklegen und gegen die lauwarme Wand stoßen, im Zweifelsfall bis Rücken und Hals einen Bogen bildeten, bis man wieder die äußerste Grenze hinter dem Schutz des Gesimses erkennen konnte.
Allein die Pleiaden erinnerten in ihrer außergewöhnlichen Einzigartigkeit, direkt über dem Kamin des vorne liegenden, alten und schlecht erhaltenen Gebäudes. Mit entspanntem Kopf und den Blick nach oben gerichtet, hypnotisierten sie mich mit ihrer natürlichen Schönheit und riefen legendäre Erinnerungen zurück, wie von vorhergehenden Leben oder von Fantasieflügen. Einzige indirekte Begleitung ein Schäferhund, noch ein Welpe aber nicht mehr sehr lange.
Er war jenseits des Drahtzauns, als Wache, wenn man so sagen kann, für ebendieses heruntergekommene Gebäude unter den Pleiaden. Er ging vor und zurück mit langsamem, kadenziertem Schritt, den Schwanz in fröhlicher Bewegung, um meine Aufmerksamkeit anzuziehen. Schließlich kannten wir uns schon, als gute Nachbarn.
Sein Schatten lief ihm mal voraus, mal folgte er ihm, projiziert durch den Schild, den sein agiler und junger Körper den schwachen Strahlen entgegensetzte Strahlen eines gerade geborenen Mondes, der tief am Horizont stand. Sein Blick, der den nächtlichen Lichtern entgegenstrahlte aus großen, guten Augen, verdunkelte sich durch die Schuld einer großen, verwaschen rot getigerten Katers, der, leise über die kleine Seitenstraße miauend, geschützt durch ein Eisentor, ihn von unserer schweigsamen Gesellschaft ablenkte und ihn aus Instinkt die ein Verrückter laufen ließ unter machtvollem Bellen.
Urplötzlich war er erwacht aus jener honigsüßen Regungslosigkeit, und genauso plötzlich nahm er wieder sein übliches Verhalten an sobald der Kater aus seinem Blickfeld verschwand, und schon das Haustor überwunden hatte.
Er hatte es ihm auch diesmal wieder nicht abgenommen, schien der Welpe zuzugeben, mit seiner längst veralteten Pose, nachdem die Beute schon verschwunden war. Und wenn er ihn eines Tages doch schnappen würde?
Er wedelte wieder mit dem Schwanz und drehte sich zu mir, mit seinem Schatten hinter sich sodaß er noch länger als vorher wirkte.
Die Stille kehrte wieder ein. Nur ein leichter Windhauch bewegte das Laub der wenigen, niedrigen Bäumchen im Garten.
Abgelenkt vom indirekten Licht einer Straßenlaterne, gewöhnten sich meine Augen wieder daran, wieder die weiß gesprenkelte Bläue über meinem Kopf zu erfassen.
Ein wunderschöner Abend… Die weniger leuchtenden Sterne erschienen nach und nach wieder, erst verschwommen e und dann immer klarer, wurden deutlicher in ihren Konturen als kleine Lichtpunkte, die sie waren.
Eine Bewegung lenkte mich ab, an der Seite der Garage, zehn Meter von meinem Beobachtungspunkt. Man sah absolut nichts, vielleicht war es nur ein Eindruck von mir gewesen. Aber es war kein schönes Gefühl, als ein kalter Schauer mir über den Rücken gelaufen war und mich schlagartig aus der Tiefe meiner totalen Ruhe rüttelte.
Ich war mir nicht sicher, ob ich mich nicht geirrt hatte. Etwas hatte sich bewegt, nein bewegte sich. So schien es mir jedenfalls. Ich bemerkte etwas, aber… das war unmöglich. Es erschien paradox, aber es war absolut und vollständig dunkel, dort. Zu dunkel für einen so hell erleuchten, wenn auch nächtlichen Himmel. Ein fast festes, undurchdringliches Dunkel, von ungutem Aussehen. Ich dachte noch, daß meine Vorstellungskraft mir einen üblen Streich spiele.
Erinnerungen an Hexen, Monster und schwarze Männer, Überbleibsel aus der Kindheit, theoretisch überwunden durch den Verstand, das Alter und die Erfahrung und abgelegt, momentan stillgelegt, in irgendeinem Winkel der Erinnerung, aber immer bereit, wieder aufzuleben bei den ersten Anzeichen von Anormalität.
Die Magie der klaren Nacht war nunmehr schon verschwunden, unterbrochen durch diese beunruhigende Störung, die bislang unbekannt und unsichbar war. Wahrscheinlich eine Nichtigkeit oder ein Windstoß, ein kleines verängstigtes Tier… aber in dem Fall hätte der Hund… bellen müssen !!!
Aber wohin war der Hund verschwunden ? Normalerweise veranstaltete er einen Höllenlärm bei jeder geringsten Lebensänderung in seinem Aktionsfeld. Wohin war er verschwunden ?
Ich sah ihn.
Seine lange, dunkle Gestalt verschwand gerade hinter der Ecke des alten Hauses. Er ging geduckt und mit dem Schwanz zwischen den Beinen eingezogen.
Vielleicht war er es leid mich anzusehen und zu wedeln, ohne wenigstens eine Streicheleinheit oder ein Kompliment im Gegenzug zu erhalten, wie es häufig vorkam. Auch für ihn war die Magie der klaren Nacht vorbei, etwas hatte die Naturidylle einer ruhigen und stillen Sommernacht unterbrochen. Ich meinte, ein unterdrücktes Jaulen meines vierbeinigen Freundes zu hören und das Klappern seiner Nägel auf Zement, Typisch wenn er anfängt zu rennen.
Wiederum die Bewegung, für die Sinne kaum wahrnehmbar aber tatsächlich gegenwärtig.
Wie kann man im schwärzesten Schwarz sehen ? Und wenn es auch nur ein sehr dunkles Grau wäre ? Unnötiger Gedanke !
Wieder der anfängliche Gedanke von Unbehaglichkeit. Es war immer sonderbarer, ich fühlte mich immer sonderbarer.
Kein Laut durchdrang diese Mauer des Schweigens, die sich vielleicht gebildet hatte durch eine kollektive Psychose der ganzen lokalen Fauna. Selbst die Grillen, die immer beständif nervten bis zum ersten Morgenlicht, hatten beschlossen, in Streik zu treten ?
Vielleicht war es einer jener Warnmomente vor einem Unglück. So in der Art Erdbeben im Vormarsch. Die Tiere haben eine Frühwahrnehmung für diese Dinge. Vielleicht... aber ich wußte schon, daß es nicht so war.
Seit einigen Augenblicken war ich in Alarmstellung geblieben, und lauerte wie ein Jagdhund oder wie ein wachthabender Soldat auf seinem Schilderhaus, aber ich hatte nichts gehört oder gesehen, und doch... Ich fühlte mich verflixt unwohl und bekam Lust, ins Haus zurückzugehen. Die letzten drei Stufen steigen, die Tür öffnen und mich einschließen, in Sicherheit. Aber in Sicherheit vor was ?
Ich dachte, daß ich ein leicht zu beeindruckender Dummkopf sei und blieb dort, eine menschliche Trutzburg, und versuchte, die Dunkelheit zu durchdringen mit einem Gefühl wachsender Furcht, obwohl ich bemüht war, mich wie ein vernünftiger Mensch zu verhalten.
Ich fragte mich in einem Anfall von Wut, wie ein Augenblick so intensiver Intimität, verführerischer Stille, sogar Symbiose mit der klaren Nacht und ihrem Sternenhimmel sich verwandeln könne, verwandelt und zerstört werden könne durch eine unbedeutende, unbequeme und ungezogene Ablenkung.
Es war in jenem Moment, genau als der Gedanke aufhörte, daß der Terror physische Gestalt blitzartig annahm und sich über meinen ganzen Körper in Schaudern ausbreitete wie Feuer in einem Heuballen, der von der Sommersonne getrocknet wurde.
Ein dunkler Schatten (aber war es wirklich ein Schatten ?), unförmig, tauchte aus dem Schwarz auf (aber war es tatsächlich schwarz ?), Verursacher meiner Furcht, eine inexistente Schlucht von der Größe eines Tores, das hinter und neben der Ecke der Garage lag, stürzte sich bis zu den Stufen, dann hinauf und auf mich zu.
Ich bewegte mich nicht, oder war nicht in der Lage es zu tun, ich blieb versteinert. Ich verstand nicht, was es war... falls es etwas war, ob es jemand war, ob es war punktum. Ich konnte die Umrisse nicht erkennen, Ich konnte es nicht definieren. Es war nur dunkel (oder vielleicht schwarz ?). Ich öffnete den Mund nicht, während in mir ein Schrei wuchs, ich hatte keine Zeit mehr dazu. Ebenso wie ich keine Zeit mehr für Angst hatte... oder für die vielleicht doch ?
Ich erinnere nur eine Sache, klar und unmißverständlich. Sie resultierte aus dem letzten Moment, in dem Augen, Nerven und Gehirn sich endlich verständigen konnten. Zwei Augen glühend, mit veränderten Pupillen, schrecklich und viskos von faulenden Flüssigkeiten, voll von unmenschlichem Haß, die in meine starrten, während garstige Klauen mich an der Kehle packten. Ein Geruch von Materie, die von Jahrhunderten in der Hölle verdorben war. Der Mond dahinter, wie das Lächeln eines Kindes.
Danach war es dunkel. Ganz dunkel.
Ein Dunkel von einer Dunkelheit, die ich nie gesehen noch erfahren hatte. Genau, erfahren.
Es war ein verschlossenes, dichtes Dunkel, fast greifbar, in der Gänze seiner Erscheinung ähnlich dem was von der Garagenecke ausgegangen war, die den Grund meines Endes geboren hatte.
Und dann, nach Augenblicken unwahrscheinlicher Länge oder unendlicher Kürze, wie man es auch nennen mag, von rabenschwarzer Substanz voller Trauer, in der Ferne ein Licht.
Ein Scheinwerfer des Mitgefühls, ein Zeichen wahrer Verständigkeit. Licht ! Familiär und wundervoll wie die klare Nacht.
Voller Hoffnung und befreit, wie durch einen Tunnel, schritt ich fort. Gehend, fliegend, denkend.
Zuweilen war es, als ob ich weiche Watte durchquerte, andere Male wie ein mühsamer Kampf im Schlamm, und dann wieder wie Fließen im Strom eines leichten Hauchs.
Ich schritt fort und fort. Ich weiß nicht, in welcher Form, aber ich ging weiter vorwärts und ... trat ins Licht ein, endlich. Lebendes, festes, gewaltig tiefes Licht. Ich war eingetaucht, mit meinem ganzen Selbst, ich war ein Teil von ihm.
Ich war überwältigt von unbeschreiblichen Eindrücken, völlig trunken von Glanz und Teilnahme. Ich hörte gleichzeitig Stille und Musik, himmlische Gesänge und stumme Noten des Geistes, in Verschmelzung mit allen Glückseligkeiten, die eine Seele immer zu finden hofft, ohne auch nur die geringste Vorstellung davon zu haben,bis zu dem Augenblick, daß so etwas tatsächlich existieren könnte.
Nach und nach verstand ich, verstand vollständig auch meine Zukunft, die Zukunft aller, der gesamten Menschheit.
Ich bin glücklich, tot zu sein.
Ich bin glücklich, es erzählen zu können.
Ich bin glücklich, nach Hause zurückgekehrt zu sein.
N.B. Die Erzählung wurde auf einer Musikkassette gefunden, die umgekehrt gelaufen war und die bei beschleunigter Geschwindigkeit abgespielt wurde. Herr M.F. (der seinen Namen aus verständlichen Gründen nicht genannt wissen möchte, hat im Traum die Nachricht mit den entsprechenden Anweisungen empfangen, um die Botschaft anhören zu können. Die Stimme sagt, sie sei ein gewisser Pierangelo. Die Musikkassette ist eine Originalaufnahme des Albums “Back in Black” von AC DC.