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DIE MECHATRONIKER
( Marco Milani ITA - I MECCATRONICI - Trad. Petra Ohl )

 

 

 

“Richtig oder falsch ?

Recht oder Unrecht ?

Oftmals hängt es nur

vom Blickwinkel ab.”

 

                      

 

 

Die Mechatroniker?

Leviatane. Die Ähnlichkeit ist zu markant, um nicht zu sagen spekulär.

Gewiß sind die Legenden, die sich auf diese enormen, monströsen, mit Schwimmhäuten bestückten, fleischfressenden Wesen beziehen, irgendwie entstanden aufgrund von Kontakte mit den Mechatronikern  in früheren Zeiten.

Erinnert ihr die alten Filme des zwanzigsten Jahrhunderts wie Aliens, Predator, Die Kreatur aus den Tiefen und ebenso Leviathan (wer weiß, ob es noch jemanden gibt, der sich daran erinnern kann)? Alles nahe Verwandte, so nah am herrschaftlichen Aussehen der Mechatroniker, daß man denken könnte, die Erfinder der damaligen fantastischen Filme hätten tatsächlich Alienkontakte gehabt und folglich die grauenerregende Fantasie, die zum Erfolg geführt hatte, nichts weiter war als eine dreiste Kopie des Originals.

Mein jetziger Zustand als Cybertron erlaubt mir, mich zu erinnern, ohne Vorurteile oder Parteiergreifung, an die Fakten, die vorgefallen sind vor und nach der Ankunft der Mechatroniker auf der Erde und einen Bericht zu erstatten ohne den Einfluss erbitterter menschlicher Psychologien. Einen unparteiischen Bericht… aber für wen ? Vielleicht für mich, wo schon keiner übriggeblieben ist, um mir zuzuhören, oder um meine Fähigkeit, Gedanken zu verarbeiten, nicht verkümmern zu lassen.

Wie auch immer, wenn man daran gewöhnt ist, die Mechatroniker vor Augen zu haben, ist es nicht so, daß die Mechatroniker so abstoßend aussähen. Vielleicht hat aber auch mein Schönheitsbegriff mit der Zeit eine grundlegende Veränderung erfahren.

Aber beginnen wir am Anfang, es war das Jahr zweitausendsieben, mitten im Sommer. Ich erinnere noch die Schwüle, die in dieser Zeit, falls meine Urteilsfähigkeit sich im Laufe der Zeit um etwa zehn Jahre vertan hat, die Luft erdrückend machte und an normale Temperaturen zwischen dreißig und vierzig Grad bei einem Mindestgrad an Feuchtigkeit von sechzig Prozent, bei jeder Bewegung verloren die Poren literweise Wasser, und machten die Kleidung konstant klebrig.

Dann kamen die Mechatroniker auf ihren großen Schiffen, kilometerlang, und blinkend in der Sonne. Eine außerirdische Flotte von tausenden und abertausenden goldener Scheiben, die, alle zusammen genommen die Leuchtkraft des Sternes zu verdunkeln schienen wie bei einer Teilfinstenis.

Die menschliche Rasse reagierte nicht im geringsten, aus dem einfachen Grund, daß sie nicht konnte. Der ganze Weltenergie-Apparat war blockiert durch ein Magnetfeld, das wie ein Netz um den Planeten gezogen war. Und nur, weil sie die Elektrizität an der Arbeit hinderte, blieb die Erde den Invasoren ausgeliefert, genau wie ein Hühnerhaufen, in den eine Gruppe Marder eindringt. Und das war das Ende, das die Menschen erfuhren, das Ende von Hühnern.

Als Cybertron bin ich verbunden mit der Zentraldatenbank der Mechatroniker, einer Anhäufung organischer Materie, die die Fläche eines Zimmers in Anspruch nimmt ohne jegliche Gemeinsamkeiten mit der irdischen Technologie zu Anfang des Jahrtausends, das die Erde umkreist auf dem kleinsten der einzigen drei Raumschiffe, die dem Vorstand geblieben waren. Die Menge von Nachrichten und Daten, auf die ich Zugriff hatte, ist riesig, und abgesehen von denen technischer und wissenschaftlicher Art, die zu einem guten Teil noch außerhalb meines Verständnisses lagen, haben die geschichtlichen mir etliche Antworten über die Vergangenheit der Erde und der Menschheit gegeben (die nun ernstlich vergangen ist), und mir viele Neuheiten vermittelt, die mich durchaus verblüfft haben. Unter anderen Aneignungsbedingungen, also wenn es mir jemand gesagt hätte, als ich noch bloß ein Mensch war,  hätte ich wahrscheinlich niemals daran geglaubt, aber nun kann ich einfach alles als Fakten annehmen.

Um zur Ankunft der Mechatroniker zurückzukehren, die Erde war sofort in ihrer Hand, um einen Euphemismus zu verwenden, da diese unförmigen Glieder blutrot waren wie enthäutetes und lebendes Fleisch, unterschiedlich in Länger und Durchmesser, die wie gummiartige Tentakel erschienen mir langen, spitzen Gliedern wie Rasiermesser. Unsere Waffen, die wenigen noch brauchbaren, hatten gegen sie dengleichen Effekt wie ein ins Wasser geworfener Stein.

Warum waren die Mechatroniker an der Erde interessiert ?

Ganz einfache Antwort. Vorräte.

Eine jahrhundertelange Geschichte, Jahrhundert um Jahrhundert, seit dem Morgengrauen des Erscheinens von Lebewesen im Universum, das sich bis ins Unendliche wiederholt, als Regel zum Überleben: Nahrung und Material.

So wie es jetzt ist, kann der Staat oder besser das Profil, oder noch besser, der Nutzen der Erde, verglichen werden mit einem großen Warenhaus. Oder, um den Gedanken noch klarer darzustellen, mit einer großen, sich selbst versorgenden Kooperative, mit vielen Züchtungen, Auswertungen, landwirtschaftlichen und anderen Produkten zu ihrer Erhaltung und Ernährung.  

Aber das ist nur ein Nebenaspekt des Hauptplanes, des Wichtigsten, also der Gewinnung einer großen Menge von Rohstoffen für mechatronische Anwendungen: viele Gehirne, intellektuell fähig und entwickelt um an erster Stelle Hypersoftware herzustellen, und dann Cybertronen e Biotronen als Produkte und ähnliche Nebenprodukte.

Nicht, daß die menschliche Art von Intelligenz sehr abwiche von der mechatronischen, der Unterschied liegt in circa einer Million Jahre vorhergehender Entwicklung der letzteren, aber die Substanz ist identisch.

Wenn man die Frage unter einem anderen Gesichtspunkt stellt, sagen wir einem mathematischen Profil, wenn man also eine Gleichung aufstellt in dem Sinne: Mechatroniker stehen zu Menschen, wie Menschen zu Hühnern stehen (um nicht zu sehr von den Beispielen abzuweichen), so hat man eine unausweichliche Logik im Aufeinanderfolgen der Ereignisse. Wenn man bedenkt, daß Menschen den Hühnern den Hals umgedreht haben, um Nahrung daraus zu machen und sie ihre Eier nutzten, so konnten die Mechatroniker hervorragend und ohne Gewissenskonflikte, die im übrigen nicht existierten, Menschenfleisch essen und die Intelligenz nutzen für die Hypersoftware.

Nichts von dem aussortieren, was verwertbar ist; das ist eine ihrer obersten Regeln, als gute Zivilgesellschaft von Verbraucherni, und überdies ökologisch.

Es kann die Frage auftauchen: warum ausgerechnet die Erde und die Menschen ?

Es ist nicht so, daß dies auf Antipathie auf den ersten Blick zurückzuführen sei, oder auf gut Glück, wie man eine Karte aus dem Kartenspiel zieht… nein ! Die Mechatroniker, als gute kosmische Händler, die sie sind, und so wurden mit der Erfahrung, haben einen logischen Verstand auf den Schultern (von der Form her scheinen es jedenfalls Schultern zu sein) und sie haben gehandelt als hervorragende Verwalter ihrer Obliegenheiten .

Sagen wir ruhig, daß wir Irdischen aufgezogen, gepflegt, ausgewählt, unterstützt  wurden, bis wir bereit waren. Wie aus dem Datenterminal hervorgeht, haben sie uns nicht erschaffen, aber sie haben es vor geraumer Zeit versucht, als wir sozusagen noch... Küken waren.

In den Zeiten unserer Frühgeschichte waren wir wenige, gutes, wildes Fleisch, aber keinerlei verwertbare Intelligenz, oder besser wenig und von denkbar schlechter Qualität, und ein ernstzunehmender Geschäftsmann isst nicht heute wenige Eier, wenn er morgen ungezählt viel Geflügel zur Verfügung haben kann.

Nach einiger Zeit, Bemühungen und Opfern und nicht wenigen Eingriffen seitens der Mechatroniker, wurde im Jahr zweitausendsieben das Pharaonenjahr ausgerufen, leider (ich hasse die Pharaonen) zur Erinnerung an die alten Ägypter denn die Menschen hatten endlich die idealen Bedingungen zur Nutzung erreicht und auch weil, hätten sie noch ein wenig gewartet, nicht viele übriggeblieben wären aufgrund der mittlerweile ausgeprägten menschlichen Autodestruktivität.

Zarteres, wenn auch weniger schmackhaftes Fleisch, immerhin noch sehr gut und erheblich besser, als das minderwertigere tierische, das jedoch weiterhin das häufigste und am leichtesten zu erhaltende blieb, wenn nichts besseres da war. Das menschliche Fleisch ist sehr teuer und nicht alle können es sich erlauben.

Der Intelligenzgrad hatte die Stufe sieben erreicht, die höchstmögliche Entwicklung der Menschenrasse und folglich ideal. Äußerst gefragter Werkstoff von beachtlichem Wert um die bestmögliche Hypersoftware zu erhalten.

Die Menschheit, im fleischlichen Sinn des Wortes existiert nicht mehr als Erdbewohner. Ich weiß nicht, wo sie geblieben ist, vermutlich in riesigen Weltraumkühltruhen fernab von Bakterien und Fäulungssubstanzen, in kosmischer Kälte konserviert, besser als in jeder Kühltruhe.

Es überlebt nur ein kleiner Teil auf mentaler Ebene; in der Tat wurden einige Gehirne, aufgrund ich weiß nicht welcher mehr oder weniger wissenschaftlichen Kriterien oder Verhaltensmuster ausgewählt und sind an symbiotische mechanische und biologische Kreisläufe angeschlossen worden.

Wie bereits gesagt, die Erde ist nun wie ein Megabauernhof, mit Tierherden, die aufgezogen werden und Feldern, die bestellt werden. Aber sie muß geführt werden und das System ist extrem effizient.

Das Kommandoschiff kreist um die Erde mit den anderen beiden und befehligt die Cybertronen wie mich. Wir Cybertronen kontrollieren jeweils einige Tausende von Biotronen, die ihrerseits alle handwerklichen Aktivitäten der einfachen Roboter kontrollieren.

Die Elemente, die sich aus mechanisch-elektronischer Intelligenz zusammensetzen, die der Mensch ursprünglich in den selbstentscheidenden Gamma Robotern entdeckt hatte, wenn man den dürftigen Informationen des Datenterminals glauben darf, haben sich nach tausenden Jahren des Einsatzes durch die Mechatroniker als gefährlich erwiesen. Es wird nicht überliefert, welche Art von Gefahr sie schaffen konnten oder verursacht haben, aber es wird die Notwendigkeit unterstrichen, Rohmaterial menschlicher Art zu nutzen, das qualitativ höherwertiger und verlässlicher war weil von emotionaler Art und demzufolge besser kontrollierbar.

Jedenfalls habe ich nach meiner Transformation in Cybertron angefangen, die neue Lebensweise des Planeten Erde zu schätzen, wenn auch allmählich und nach einer Zeit der Gewöhnung. Ich denke, daß sie mir auf jeden Fall einen Gefühlskreislauf-Bypass gelegt haben.

Wenn man die schlechten Qualitäten und Fähigkeiten des menschlichen Wesens berücksichtigt, gewalttätig, streitlustig, mental instabil, bestimmt zur Suche nach niederer Genugtuung, stets gegen jemanden oder etwas, so bedaure ich nichts. Auch nicht einen Körper aus Fleisch, wie ihn hingegen die Biotronen haben (organische Substanz, künstlich gewonnen durch Mehrfach-Klonen auf Molekularebene) aber die dafür keine große Fähigkeit zum eigenständigen Denken haben, sondern programmiert sind zur Ausführung bestimmter Aufgaben.

Ich kann sehen, hören, erfassen, schmecken, berühren, auch aus dieser elektro-mechanischen, völlig abiologischen Struktur heraus, abgesehen von meinem Gehirn.

Es ist aber nicht richtig, zu sagen, ich sei “in” dem was praktisch eine große sperrige Hülle ist, denn sie vermittelt mir hin und wieder den Eindruck einer zu großen Masse für einen Behälter. Es ist nicht mein Gehirn, gefangen in einer neuen und unzerstörbaren Schale, mit raffinierten Sensoren ausgestattet, wie ein Computer und seine Umgebung. Ich, Cybertron, bin das Ganze, perfekte Kohäsion “jenseits” der Mensch-Maschine. Ich beginne, mir dessen bewußt zu werden.

Ich merke, wie die Glieder meinem Kommando gehorchen, als hätte ich noch ein Nervensystem, ich fühle, die Luft warm werden in der Reibung meiner Passage im Flug über die Felder und rieche den Duft des reifen Korns. Ich müßte praktisch auch unsterblich sein, wenn sie sich daran erinnern, die Teile auszutauschen, wenn es erforderlich wird.

Nur eines gefällt mir nicht, aber ich werde mich leider daran gewöhnen müssen, da ich es nicht ändern kann.

Wie ich bereits erklärte habe ich Ägypten immer schlecht ertragen mit all seinen Facettierungen und insbesondere seine absurden antiken Bauwerke, und jetzt bin ich gebaut, wie es der Zufall so will, wie eine Pyramide.